Linus

Geburtstag:                              29.08.2006
SSW + Gewicht:                      27. SSW , 880g
Dauer des KH-Aufenthaltes:     11 Wochen
Anlass der Frühgeburt:          Tiefsitzende Plazenta und in der 25. SSW Blasensprung.

Linus ist das dritte von 4 Kindern, er hat große Geschwister, geb. 2001 und geb. 2002. Einer kam noch hinterher – geb. 2011

Wichtige Eckpunkte währende des Krankenhaus-Aufenthaltes:
Linus war ein „nacktes Vögelchen“, kleiner als die Puppe seiner großen Schwester. Aber es ging ihm soweit ganz gut. Schnell wurde er nur noch teilbeatmet. Mit Nahrungsaufnahme und Darmentleerung hatte er keine Probleme. Nach einer Woche hatte er eine Bluttransfusion bekommen, da er immer wieder Atemaussetzer hatte.
Ein paar Tage später durften wir zum 1. Mal „känguruhen“. Was für ein Gefühl, so ein zartes Wesen.
Als er 2 Wochen alt war, hat er plötzlich große Probleme mit der Atmung bekommen, so dass er intubiert werden musste und uns der Arzt sagte, er weiß nicht, wie es ausgehen wird. Nach ein paar Stunden wurde er dann abgesaugt, und es wurde festgestellt, dass sich ein Schleimpfropf festgesetzt hat, den er versucht hat selbst abzuhusten. Nach dem Absaugen, ging es ihm deutlich besser.
Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass er während der SSW eine Hirnblutung Grad I hatte, die hatte aber keine Auswirkung. Netzhautablösung Grad II und auch das Loch im Herz erledigten sich im ersten Lebensjahr von allein.
Nachdem ich als Mutter entlassen war, hieß es jonglieren: Morgens Klinik, wenn die beiden Großen im Kindergarten waren und nachmittags dann zu Hause sein. Das Gefühl, immer einen der Kinder zurückzulassen, war ganz schlimm. Zu dem Zeitpunkt durften die Geschwister auch nur durch die Glasscheibe gucken.
Nach 11 Wochen Klinikaufenthalt konnten wir Linus endlich mit nach Hause nehmen.

Entwicklung im ersten Lebensjahr und weitere Entwicklung
Linus war immer sehr anfällig für sämtliche Atemwegserkrankungen. Immerzu war er krank und hat beim Abhusten Nahrung mit ausgespuckt. So mussten wir peinlich genau sein Gewicht kontrollieren (1 Woche waren wir auch noch mal in der Klinik, da er innerhalb von 24 Std. 140 g abnahm).
Während der ersten zwei Jahre bekam er Krankengymnastik, da er eine ziemlich steife Körperhaltung hatte. Die Therapeutin hat ihn hauptsächlich mit div. Schaukelübungen unterstützt, so dass er sich auf den Bauch drehen, sitzen, krabbeln und dann auch mit fast 1 ¾ Jahren laufen konnte.
Er hatte immer wieder Paukenergüsse in den Ohren, so schlimm dass sich ein Teil seiner Gehörgänge verkalkten, so musste er mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Er hatte drei Mal Röhrchen eingesetzt bekommen, wo beim letzten Mal noch ein Silikonbändchen zur Stützung eingelegt wurde – seitdem hat sich sein Hören und Sprechen deutlich verbessert (es ist jetzt nur noch wenn Linus krank ist, dass er sehr undeutlich spricht und er Speichelfluss hat), ferner wurden ihm schon die Polypen entfernt und die Rachenmandeln gekappt.
Nach der Krankengymnastik hat der Linus mit Frühförderung angefangen, die dann bis zum Eintritt in den Kindergarten lief.
Linus hat unheimlich große Trennungsängste entwickelt, d. h. ich durfte den Raum und schon gar nicht die Wohnung verlassen, er hat dann so extrem geschrien, dass er erbrochen hat.
Von der Windel hat sich Linus im Alter von 5 Jahren (kurz nach der Geburt seines Bruders, da war er schon fast 6 Jahre) getrennt, die Schlafwindel hat er noch im Laufe des 6. Lebensjahres benötigt. Wir haben kein Druck gemacht, sondern ihn alleine entscheiden lassen, wann er so weit ist. Dadurch hat es gleich zuverlässig geklappt.
Kindergarten: Als er mit drei Jahren als integratives Kind in den Kindergarten gekommen ist, wurde das Ausmaß der Trennungsangst richtig deutlich. Nach einer sehr langen Eingewöhnungszeit konnte er endlich mit seinen Therapien beginnen. Er bekam im Kindergarten Ergotherapie und auch Logopädie.
Schule: Linus wurde im Schuljahr 2012/ 2013 mit großen Mühen von seiner Schulpflicht zurückgestellt. So konnte er noch ein weiteres Jahr im Kindergarten verbleiben, was ihm in seiner Entwicklung sehr gut tat. Er ist jetzt – zwar mit Einschränkungen – mit einem Vorschulkind vergleichbar.
Da Linus viel Spaß daran hat, Buchstaben und Zahlen sowie die Uhrzeit zu erkennen, sind wir der Meinung, im Einklang mit dem Kindergarten, Kinderarzt, Ergotherapeutin sowie Logopädin und Psychologin, dass er in die 1. Klasse einer ganz normalen Regelschule gehen kann. Aufgrund der Konzentrations- und Sprachschwierigkeiten und der sozialen Ängstlichkeit haben wir ihm einen Einzelfallhelfer zur Seite gestellt. Dieser hat ihn innerhalb des 1. Halbjahres der 1. Klasse für 20 Std. in der Woche unterstützt und war für ein 3/4 Jahr bewilligt. Seitdem "meistert" Linus seinen Schulalltag alleine. Am Anfang der 2. Klasse war schon klar, dass eine Legasthenie (Lese- und Rechtschreibschwäche) vorliegt. Seine auditive Wahrnehmungsstörung verwuchs sich schnell. Zu Hause lässt er den Druck, den er sich selber macht, um den Schulalltag wie jedes andere Kind zu überstehen, raus. Zwei Jahre sollte es noch dauern, bis wir erfahren sollten, dass er auch ADHS hat. Darüber sind wir sehr erleichtert, denn mit der Diagnose geht es endlich in die richtige Richtung. Um seine traumatischen Erlebnisse aus der komplizierten Schwangerschaft, der Frühgeburt und der Zeit im Brutkasten zu verarbeiten, wird Linus u. a. eine tiefenpsychologische Therapie beginnen.
Fazit: Linus hat sich im Lauf der Jahre mit viel, viel Zeit gut entwickelt, innerhalb der Familie gibt er gern den Ton an. Vom Körperbau ist er auch noch sehr zart, er wiegt 28 kg, sein kleiner Bruder (der 5 Jahre jünger ist) wiegt 4 kg weniger.

Was mich / uns im Zusammenhang mit der Frühgeburt am meisten angestrengt hat:
Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen, eins meiner Kinder zu vernachlässigen. An mich habe ich überhaupt nicht gedacht. Mir ging es nicht gut, wenn ich in die Klinik gefahren bin, um mich um den Linus zu kümmern, da zu Hause die großen Geschwister auf mich gewartet haben, und mir ging es nicht gut, wenn ich die Klinik verlassen habe, um mich um die beiden Großen (die zu dem Zeitpunkt auch erst 4 und 5 Jahre alt waren) zu kümmern.

Mein schönstes Erlebnis im Zusammenhang mit der Frühgeburt:
Auch mein Mann hatte am Anfang große Schwierigkeiten, mit der Situation Frühgeburt zurechtzukommen, ganz schlimm war es, dass er gar nicht drüber geredet hat, sondern lieber flüchtete. Nachdem wir dieses Tief überwunden haben, hat und dieses Trauma noch enger zusammengeschweißt und wir wissen jetzt, dass wir zusammen große Berge bewältigen können (wie z. B. die Geburt eines 4. Kindes)

Was ich schon immer mal sagen wollte:
Trotz meiner beiden großen Kinder war ich sehr verunsichert, im Umgang mit Linus. Es war schon ein Unterschied zu einem „normal“ geborenen Kind. Daher war ich froh zu wissen, dass es da eine Gruppe gibt, die mir da wertvolle Tipps geben konnte und denen es auch genau so ging. Davon profitiert meine Familie heute noch und mittlerweile können wir unsere Erfahrungen an andere betroffene Eltern weitergeben.